Die ÖGS - Österreichische Gebärdensprache
 

Lange Zeit war der Begriff „taubstumm“ in aller Munde, und ist es auch heute noch. Diese Bezeichnung stammt noch aus jener Zeit, in der man meinte, gehörlose Menschen seien bildungsunfähig und dumm. Aber auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend gibt es noch immer Benachteiligung und Diskriminierung vieler Gehörloser in der Gesellschaft. Außerdem meinen viele Leute, dass im Wort „stumm“ nicht nur eine Sprechunfähigkeit, sondern auch Kommunikationsunfähigkeit zu finden ist. Gehörlose verfügen über den gleichen Sprechmechanismus wie jeder andere Mensch auch, nur dass sie ihre Stimme und deren Lautstärke oder Klang mittels Gehör nicht steuern und kontrollieren können.

Die Gehörlosengemeinschaft sieht sich nicht als eine Selbsthilfegruppe, die zusammenkommt, um ihre Probleme mit der hörenden Welt zu besprechen. Sie ist in erster Linie eine Sprachgemeinschaft mit gemeinsamen Kulturgut, Bräuchen, Identität und Sprache. Es muss aber auch betont werden, dass nicht (immer) der reine Hörverlust ausschlaggebend für die Dazugehörigkeit zu der Gehörlosengemeinschaft ist. Auch hörende Personen, meist Kinder gehörloser Eltern, werden als ein Teil dieser Gemeinschaft akzeptiert, denn die innere Haltung und das Problemverständnis ist ausschlaggebend.
Gemeinsam hat diese Gemeinschaft gewisse Verhaltensmuster: Begrüßungen, Augenkontakte, die Verlagerungen der Aufmerksamkeit, wenn jemand etwas sagen will,..... Und sie benützen auch Alltagsgegenstände , die sie von hörenden Menschen unterscheiden: Lichtwecker, Vibrationswecker, Lichtglocke, Fax, Schreibtelefon....

... und Gebärdensprache: Die Gebärdensprache Gehörloser ist ein eigenständiges visuelles Sprachsystem, das sich durch eine Jahrhunderte lange Kommunikation Gehörloser entwickelt hat. Sie ist unterteilt in die nationalen Gebärdensprachen, also zum Beispiel in die Österreichische Gebärdensprache mit Wiener, Tiroler oder Burgenländischen Dialektformen. Sie setzt sich aus Handzeichen, Mimik und Körperhaltung zusammen und beinhält eine äußerst differenzierte Grammatik. Lautsprachliche Verständigung und Ausdrucksformen sind für einen taubgeborenen Menschen und für jemanden, der sein Hörempfinden schon früh verloren hat, unnatürlich, künstlich. Ein - zumeist - Taubgeborener greift aber selbstverständlich auf seine Muttersprache, die Gebärdensprache, zurück, wenn er freie Wahl hat. Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache, deren Erwerbsprozess sich mit dem Vorgang bei Erlernen einer gesprochenen Sprache bei Klein(st)kindern vergleichen lässt. Da es sich um eine natürliche Sprache handelt, kommt der Kultur, die mit dieser Sprache engstens verbunden ist, auch eine große Bedeutung zu.

Sprechen also Gehörlose untereinander, verwenden sie die Österreichische Gebärdensprache, kurz ÖGS.

Will man die Österreichische Gebärdensprache erlernen, ist es unbedingt notwendig, sich auch mit Gehörlosen und ihre Kultur auseinander zu setzen.

Was? Wie? Warum? Wozu?

Die Gebärdensprachen Gehörloser sind eigenständige visuelle Sprachen. Sie wurden über Jahrhunderte in der alltäglichen Kommunikation Gehörloser ausgebildet und lassen sich, ebenso wie Lautsprachen, in nationale Sprachen und regionale Dialekte unterscheiden. So sprechen wir heute z.B. von Amerikanischer, Französischer, Schwedischer, Chinesischer Gebärdensprache und auch von Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) mit Wiener, Tiroler, Grazer und anderen Dialektformen.

Wie alle bisher erforschten Gebärdensprachen, verwendet auch die ÖGS neben Mimik und Körperhaltung insbesondere Handzeichen, die Gebärden. Gebärden sind nach Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung klar strukturiert und werden regelhaft im sogenannten "Gebärdenraum" ausgeführt. Die ÖGS verfügt über einen umfassenden Gebärdenschatz (Lexikon) und eine ausdifferenzierte Grammatik. Sie kann prinzipiell dasselbe leisten wie jede Lautsprache.

Das gilt auch für die Verwendung abstrakter Begriffe, die ja hauptsächlich auf komplexe sprachlich vermittelte Informationen angewiesen sind. Insbesondere dieser reichhaltige spontane Informationsfluss kann über Lautsprache für Gehörlose durchwegs nicht hergestellt werden. Die visuelle Gebärdensprache bietet ihnen dagegen eine gleichwertige sichere Grundlage für alle sprachbezogenen Prozesse. Dies gilt insbesondere für den kindlichen Spracherwerb, die soziale Kommunikation, die emotionale und geistige Entwicklung einschließlich aller Gedächtnis-, Denk- und Lernprozesse.

Ein ganz besonderer Stellenwert kommt der ÖGS als leistungsstarkem und zugleich entspanntem Verständigungsmittel der Gehörlosen untereinander zu. Sie ist gleichsam die Seele der Gehörlosengemeinschaft, die deshalb auch Gebärdensprachgemeinschaft genannt wird. Gebärdensprache ist nicht nur für die soziale Gruppe der Gehörlosen identitätsstiftend, sondern auch für die Identität und Selbstfindung jedes einzelnen Gehörlosen von großer Bedeutung.

Im Kontakt mit der hörenden Umwelt können Gebärdensprach- dolmetscherInnen in bestimmten wichtigen Situationen eine gleich berechtigte Integration Gehörloser sicherstellen, die sonst aufgrund der zumeist begrenzten Lautsprachfähigkeiten Gehörloser nicht möglich wäre. Dies gilt nicht nur für soziale, politische und kulturelle Veranstaltungen und komplizierte Lebenssituationen (Krankenhaus, Arztbesuch, Behörden, Polizei, Gericht etc.), sondern auch für die berufliche Bildung einschließlich eines in die Regeluniversität voll integrierten Hochschulstudiums.

Von der ÖGS ist das sogenannte lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) zu unterscheiden. LBG ist keine Gebärdensprache, sondern lediglich ein künstliches Verfahren zur besseren Sichtbarmachung der Lautsprache. Parallel zu jedem gesprochenen Wort wird eine möglichst bedeutungs- gleiche Gebärde ausgeführt. LBG bedient sich also der Gebärdenzeichen der ÖGS, ohne jedoch deren Grammatik zu berücksichtigen. Vielmehr setzt LBG eine möglichst gute Lautsprachkompetenz voraus. Es bietet insbesondere für Ertaubte und Schwerhörige eine gute Absehhilfe, die es ihnen erleichtert, die kleinen Mundbilder der gesprochenen Sprache zu entschlüsseln. Darüber hinaus wird LBG auch für pädagogische Zwecke verwendet, wie z.B. beim Schriftspracherwerb in der Schule.

Fazit: ÖGS ist eine eigenständige leistungsstarke Sprache, die nicht nur für Gehörlose und ihre Gebärdensprachgemeinschaft von hohem Wert ist, sondern darüber hinaus auch für pädagogische, soziale und kommunikative Verwendungszusammenhänge aller Hörgeschädigten von Bedeutung ist.

 


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