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2 Gehörlosenkultur und - gemeinschaft

Die Gehörlosengemeinschaft sieht sich nicht als eine Selbsthilfegruppe, die zusammenkommt, um ihre Probleme mit der hörenden Welt zu besprechen. Sie ist in erster Linie eine Sprachgemeinschaft mit gemeinsamen Kulturgut, Bräuchen, Identität und Sprache. Es muss aber auch betont werden, dass nicht (immer) der reine Hörverlust ausschlaggebend für die Dazugehörigkeit zu der Gehörlosengemeinschaft ist. Auch hörende Personen, meist Kinder gehörloser Eltern, werden als ein Teil dieser Gemeinschaft akzeptiert, denn die innere Haltung und das Problemverständnis ist ausschlaggebend.
Diese Gemeinschaft hat ganz spezifische Verhaltensmuster: Begrüßungen, Augenkontakte, die Verlagerungen der Aufmerksamkeit, wenn jemand etwas sagen will,..... Und sie benützen auch Alltagsgegenstände , die sie von hörenden Menschen unterscheiden: Lichtwecker, Vibrationswecker, Lichtglocke, Fax, Schreibtelefon....
Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Gehörlose haben keine Höflichkeitsform „Sie“ in ihrer Anrede. Sie drücken ihre Verehrung und ihren Respekt intensiver in der Körpersprache aus. Diese Kultur besteht also aus den spezifischen Verhaltensregeln und Besonderheiten, die aus den Bedürfnissen dieser Gemeinschaft heraus entstanden sind und sie wird an die Kinder weitergegeben. Sie vereint Gehörlose aus allen Schichten, Altersgruppen, Hörbeeinträchtigungen und Gebärdensprachkenntnissen. Diese Gemeinschaft hilft dem Gehörlosen seine Identität, sein Selbstwertgefühl aufzubauen.

In der Gehörlosengemeinschaften spielt sich auch das kulturelle Geschehen ab. Gehörlosengemeinschaften der einzelnen Städte oder Stadtteile bilden meist freiwillige Sozialorganisationen, wie Sportklubs oder Theatergruppen, die sich innerhalb des kulturellen Kontext dieser Gemeinschaft bewegen und für sie und vor allem mit ihnen arbeiten. Man muss aber auch die aktive Reisefreudigkeit gehörloser Personen bewundern. Weil sie als Minderheit so weit verstreut sind, kommen zu einer besonderen Feier Gehörlose oft aus anderen Ländern angereist, um Kontakte zu knüpfen und meist halten diese Kontakte sehr lange. Durch das Medium des Internets und Faxgeräte ist es ihnen möglich über weite Strecken hinweg Freundschaften zu pflegen, auch wenn ihre Schriftsprache nicht die beste ist.

Ein großer Teil der Verantwortung der Gemeinschaft liegt in der Identitätsbildung ihrer Mitglieder. Es ist eine allgemeine Tatsache, dass Leute, die nicht „der Norm“ entsprechen, stets Probleme haben, zufriedenstellende Sozialbeziehungen zu knüpfen und zu leben. Jeder glaubt, dass ein Behinderter alles tun würde, um „normal“ zu werden. Da die meisten gehörlosen Personen hörende Eltern haben, werden sie schon sehr früh damit konfrontiert. Die Eltern sind geschockt, ein behindertes Kind zur Welt gebracht zu haben, die meisten Mütter quälen Schuldgefühle. Die Umwelt bemitleidet die Familie. Alle sind nun mehr damit beschäftigt, das Kind zu „normalisieren“, statt ihre Energie dahingehend zu investieren, dem Kind seine Zukunft so leicht wie möglich zu gestalten. Die besten Ärzte werden aufgesucht, Broschüren über Cochlear-Implantate verschlungen. Von solchen Voraussetzungen ausgehend ist es für ein Kind nur schwer möglich, eine gefestigte Identität aufzubauen.
Deshalb ist die Gehörlosenkultur besonders wichtig, um jeden einzelnen seiner Mitglieder zu helfen eine „gehörlose Identität“ aufzubauen. Sie hilft dem Einzelnen eine Sprache zu finden, Werte aufzubauen, seine „Behinderung“ im geschützten Rahmen zu vergessen.

Dies ist ein Faktor, den es bei der an Beliebtheit gewinnenden Integration nicht zu vergessen gilt: „Gehörlosengemeinschaft und Gebärdensprache seinen ein „wertvolles Kulturgut, das es zu bewahren“- jedoch „keine Erscheinungsform von Behinderung, die es wegzutherapieren“ gelte“.

Eng mit der Identität jedes Menschen ist die Sprache verbunden. Und diese ist- leider- in Österreich nicht anerkannt.

Deshalb möchten wir nun kurz auf die Muttersprache der Gehörlosen - die Gebärdensprache eingehen.

2.1 Gebärdensprache

Lautsprachliche Verständigung und Ausdrucksformen sind für einen taubgeborenen Menschen und für jemanden, der sein Hörempfinden schon früh verloren hat, unnatürlich, künstlich. Aber es wird versucht, ihm in vielen mühsamen Übungsstunden Lautsprache beizubringen, damit er sich in einer hörenden Welt zurecht finden kann, oder vielmehr, damit die hörende Welt mit ihm keine Probleme hat. Ein -zumeist- Taubgeborener greift aber selbstverständlich auf seine Muttersprache, die Gebärdensprache, zurück, wenn er freie Wahl hat. Leider hält sich der Irrglaube, Gebärden seinen nur ein Hilfsmittel, um Wünsche auszudrücken und Mundbilder zu unterstützen. Die Gebärdensprache ist eine Sprache, die sie über Jahrhunderte durch Alltagskommunikation Gehörloser entwickelt hat und die sich – wie die Lautsprache- in nationale und regionale Sprachen und Dialekte unterteilen lässt.
Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache, deren Erwerbsprozess sich mit dem Vorgang bei Erlernen einer gesprochenen Sprache bei Klein(st)kindern vergleichen läßt. Da es sich um eine natürliche Sprache handelt, kommt der Kultur, die mit dieser Sprache engstens verbunden ist, auch eine große Bedeutung zu.

2.2 Aufbau der Gebärdensprache

Es gibt die Möglichkeit, jedes Wort einzeln zu gebärden und daher das Deutsche eins zu eins zu übersetzen, was LbG - lautbegleitende Gebärde- genannt wird. LbG ist aber eine künstliche Sprache, von Hörenden mit etwas Gebärdenkenntnisse gemacht. Sie ist eine gute Möglichkeit, die Verständigung zwischen Hörenden und Gehörlosen zu erleichtern, hat aber mit Gebärdensprache an sich nichts zu tun. LbG ist, vereinfacht ausgedrückt, das Sichtbarmachen der Lautsprache. LbG bedient sich der Gebärdenzeichen der Österreichischen Gebärdensprache, ohne deren Grammatik und Syntax zu beachten. Sie setzt aber auch eine gute Lautsprachkompetenz voraus. Sprechen Gehörlose untereinander, verwenden sie Österreichische Gebärdensprache, kurz ÖGS. Sie ist eine visuelle Sprache und folgt einer eigenen Grammatik, die ich im folgenden noch genauer erläutern möchte. Will man die Gehörlosen und ihre Kultur verstehen lernen, ist es unbedingt notwendig, sich mit der ÖGS auseinander zusetzen.

Man erlag lange Zeit dem Irrglauben, ÖGS sei keine vollwertige Sprache, da sie z.B. keine Abstraktionen ausdrücken könne. Vor ungefähr 30 Jahren haben aber Forscher (Linguisten und Sprachpsychologen) aus den USA und Deutschland den Nachweis erbracht, dass jede Gebärdensprache ein total gültiges visuelles Sprachsystem ist. ÖGS ist daher als vollwertige Sprache anzuerkennen, da sie a) nicht, wie etwa die Pantomime an konkrete und bildhaft darstellbare Inhalte gebunden ist, sondern jegliche komplexe und abstrakte Idee auszudrücken vermag und b) eine eigene linguistische Struktur besitzt, die von der gesprochenen Sprache unabhängig ist.

Ausdrucksvariablen der Gebärdensprache
  • Manuelle Kommunikationsmittel  
Hände und Arme

  • Nichtmanuelle Kommunikationsmittel
Gesichtsausdruck
Blick
Kopf
Oberkörper
Mundbild
  • Gebärden bestehen aus vier simultanen Parametern:
Handform
Ausführungsstelle
Bewegung
Handstellung
  • Außerdem existieren noch sublexikalische Regeln und Prozesse
 

Fingeralphabet
Das Fingeralphabet bedient sich einzelner Handformen, denen einzelne Buchstaben des Landesalphabets zugeordnet sind. So kann jedes Wort der Lautsprache buchstabiert werden. Diese Anwendung kommt häufig bei Eigennamen zum Tragen. Aber es können auch Sätze buchstabiert werden, die dann den grammatikalischen Regeln der österreichischen Lautsprache folgen. Es darf aber nicht erwartet werden, dass, wenn man nun das Fingeralphabet beherrscht, es keine Probleme mehr gibt, sich mit Gehörlosen zu verständigen. Erstens kann man nur ganze Sätze buchstabieren, wenn das gegenüber der landesüblichen Lautsprache mächtig ist, zweitens ist das Konzentrieren auf das Buchstabieren sehr anstrengend und ermüdend und drittens sind verschiedenste Fingeralphabete im Umlauf (in England ist ein zweihändiges Fingeralphabet in Gebrauch, Thailändisches zeigt die Töne der gesprochenen Sprache an...) In europäischen Ländern ist das Fingeralphabet nicht so weit verbreitet, wie etwa im amerikanischen Raum. Vor allem die ältere Generation ist zu spät mit dem internationalen Einfingeralphabet konfrontiert worden und bevorzugt deshalb heute noch das bekannte zweihändige „Stummerlalphabet“.

Mundbild und Lippenlesen
Ein Gehörloser kann höchstens 33% eines oralen Gespräches durch Lippenlesen mitbekommen. Den Rest muß er versuchen, durch den Kontext richtig zu „erraten“. Mundbilder können folgende Funktionen haben:

  • Sie können einen Bedeutungsunterschied zwischen Gebärden kennzeichnen, die die selbe manuelle Komponente haben. Zum Beispiel sieht die Gebärde für „Eltern“, „Zwillinge“ und „doppelt“ gleich aus. Durch ein entsprechendes Bild kann aber leichter erkannt werden, welches Wort gemeint ist.

  • Manchmal kann durch ein stimmlos ausgesprochenes Wort die Gebärde verfeinert werden; zum Beispiel: man macht die Gebärde für „Blumen“, gleichzeitig das Mundbild für „Veilchen“.

  • Das Mundbild kann aber auch eine ganz andere Bedeutung als die Gebärde beinhalten, so dass zwei Symbole oder Werte gleichzeitig mitgeteilt werden. Der Mund kann zum Beispiel das Wort „Schuh“ formen, während man die Art der Schuhe, wie etwa „Klettverschluss“ gebärdet.

  • In seltenen Fällen wird nur ein Mundbild verwendet. Das ist meist der Fall, wenn die entsprechende Gebärde nicht bekannt ist, wie bei Eigennamen.

Sprachanerkennungen in Europa und anderen Ländern der Welt

  • Am 17. Juni 1988 beschloss das Europäische Parlament einstimmig eine Anerkennung der nationalen Gebärdensprachen und die Anerkennung der Gehörlosen als sprachliche Minderheit. Leider wurde noch keine Verordnung erlassen, die die Umsetzung in nationales Recht gewährleisten würde.

  • Dänemark: 1991 hat eine Anerkennung der Zweisprachigkeit Gehörloser zu der Empfehlung geführt, dass die dänische Gebärdensprache zur ersten Unterrichtssprache für gehörlose Kinder geworden ist. Eltern gehörloser Kinder haben ein Recht darauf, auf Staatskosten Gebärdensprachkurse zu besuchen sowie einen Teil von Unterrichts- und Materialskosten zurückersetzt zu bekommen. DolmetscherInnen stehen gehörlosen Studenten an den Hochschulen kostenlos zur Verfügung, bei polizeilichen Sitzungen und Gerichtsverhandlungen muss ein diplomierter Dolmetscher beigezogen werden.

  • Bei einer Ministerkonferenz in Deutschland im März 1998 unterstützten die Länder und die Regierung die Forderungen, Anerkennung und Förderung der Gebärdensprache weiter umzusetzen. Der Deutsche Gehörlosenbund kämpft weiter um eine offizielle Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache.

  • Finnland hat als einziges europäisches Land das „Recht des Gebrauchs der Gebärdensprache“ in der Verfassung (seit 1955) verankert. Die Umsetzung dieses Gesetzes in die Tat wird von einer Arbeitsgruppe geformt und kontrolliert. Weiters ist derzeit in Gespräch, die finnische Gebärdensprache an der Uni als Zweitfach wählen zu können.

  • Frankreich räumt den Eltern gehörloser Kinder eine Entscheidung zwischen oraler oder zweisprachiger Erziehung ein, für letztere haben die Franzosen derzeit aber kein Geld und betroffene Eltern erhalten kaum Information. Eine offizielle Anerkennung der Gebärdensprache steht noch aus, aber sie wurde bereits in eine Reihe anderer Gesetze, wie z.B. in das Justizgesetz (1979 oder in das Gesetz über die Diskriminierung von Behinderten (1995) einbezogen. In Rechtsfragen wird die Gebärdensprache als eine „annehmbare Art der Kommunikation“ akzeptiert. Außerdem sind Gemeinden seit 1990 verpflichtet, Dolmetschkosten für das Schulwesen zu übernehmen.

  • In Italien gibt es noch keine offizielle Anerkennung der Gebärdensprache, gehörlose StudentInnen haben aber ein Recht auf Dolmetscher, falls sie qualifizierte finden können.

  • Seit September 1997 hat das portugiesische Parlament einige neue Artikel in die Verfassung aufgenommen. Unter anderem auch folgenden Absatz :"Die portugiesische Gebärdensprache ist Ausdruck der Kultur der Gehörlosen und als Werkzeug für den Zugang zu Bildung und gleichen Chancen zu schützen und zu achten."

  • Schweden: Seit 1972 hat Schweden eine Abteilung für Gebärdensprach-Forschung. 1981 hat das schwedische Parlament ein Gesetz verabschiedet, welches besagt, dass gehörlose Leute die schwedische Gebärdensprache ebenso beherrschen müssen, wie die schwedische (Schrift-)Sprache, woraus sich natürlich eine entsprechende Ausbildung in beiden Sprachen ableiten lässt.

  • Folgende Forderung hat der Schweizer Bundesrat 1994 gutgeheißen, aber noch nicht im Gesetz verankert: "Der Bundesrat wird eingeladen, die Gebärdensprache für die Integration der Gehörlosen anzuerkennen und sie in Erziehung, Ausbildung, Forschung und Kommunikation an der Seite der gesprochenen Sprache zu fördern."

  • In Spanien ist die spanische Gebärdensprache nicht national anerkannt aber regional.

  • Weissrussland, Kanada, die tschechische Republik, Uganda, Südafrika, Litauen, Ukraine, die Slovakische Republik, Kolumbien und Uruguay haben die Gebärdensprache in der Verfassung verankert.

  • In der USA ist sie seit dem Americans with Disabilities Act gesetzesmäßig verankert.

  • Im August 1999 hat der thailändische Minister für Bildung eine Resolution unterschrieben, die die Thai SL anerkennt. Weiters versprach er im Bereich Bildung und Ausbildung Thai SL zu fördern.

2.6 Probleme sowie Vor- und Nachteile der Gebärdensprache

Bis heute werden in vielen europäischen Gehörlosenschulen Betroffene (fast) ausschließlich oral erzogen, was noch auf das Gebärdensprachverbot von 1880 zurückzuführen ist. Die meisten hörbehinderten Kinder und Jugendlichen verbringen ihre 12 jährige Schulzeit mit Artikulationstraining, ohne dass jemals auf den Inhalt des Vermittelten eingegangen wird. Wegen der geringen Wissensvermittlung vergrößert sich auch der Sprachwortschatz nicht sehr und die Allgemeinbildung geht auf Kosten des Stimmtrainings. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass der Sprachunterricht erst im Alter von sechs Jahren begonnen wird.
Eine Paradoxie findet sich in österreichischen Gehörlosenschulen wieder. Kaum ein Lehrender beherrscht die Gebärdensprache. So können Lehrende oftmals ihre Schüler nicht verstehen, aber sie verbieten ihnen den Gebrauch der Gebärdensprache. Ein guter Vergleich wurde in einer Fachanhörung zur Anerkennung der Gebärdensprache gemacht: Man stelle sich einen Lehrer für Blinde vor, der in der Schule an der Tafel schriebe.
Es ist erwiesen, dass die Lautsprache niemals zur inneren Denksprache eines Gehörlosen wird.
Viele Gehörlose sprechen sich gegen diese hohen lautsprachlichen Forderungen aus, vor allem weil sie folgende Kriterien für Gehörlose nicht erfüllen:
  • leichte und schnelle Erlernbarkeit der Lautsprache

  • leichte Reproduzierbarkeit oder leichte Wahrnehmbarkeit

  • als Muttersprache ungeeignet, da das Kleinkind mit dieser Sprache nicht experimentieren kann.

  • Es ermöglicht nicht eine aktive und passive Kommunikation zu gleichen Teilen.

All diese Kriterien lassen sich auf die Gebärdensprache anwenden, nicht aber auf eine lautsprachliche Erziehung gehörloser Personen .

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* Auszüge aus der Diplomarbeit von Valerie Clarke: "Die Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich Auswirkung einer möglichen Anerkennung auf meine Arbeit als Sozialarbeiterin"
download gesamte Diplomarbeit (.pdf / 5,5MB)


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