1.3.1 „Taubstumm“
Lange Zeit war der Begriff TAUBSTUMM in aller Munde, und ist es
auch heute noch. Diese Bezeichnung stammt noch aus jener Zeit,
in der man meinte, gehörlose Menschen seien bildungsunfähig und
dumm. Viele Leute assoziieren heute mit dem Wort „taubstumm“,
die noch von der damals innewohnende Bedeutung. So entsteht an
der Schwelle zum zweiten Jahrtausend Benachteiligung und Diskriminierung
vieler Gehörloser in der Gesellschaft. Außerdem meinen viele Leute,
dass im Wort „stumm“ nicht nur eine Sprechunfähigkeit, sondern
auch Kommunikationsunfähigkeit nachgewiesen wird. Gehörlose verfügen
über den gleichen Sprechmechanismus wie jeder andere Mensch auch,
nur dass sie ihre Stimme und deren Lautstärke oder Klang mittels
Gehör nicht steuern und kontrollieren können.
Obwohl schon 1830 das Wort „gehörlos“ eingeführt wurde, haben
sich die Begriffe „taubstumm“ und die „Stummerlsprach´“ bis heute
hartnäckig gezeigt. Ich werde in meiner Diplomarbeit viele verschiedene
Begriffe für Gehörlosigkeit und von Gehörlosigkeit betroffener
Menschen verwenden und möchte deshalb betonen, dass jedes davon
wertfrei gemeint ist und in keinerlei Weise diskriminierend wirken
soll. Wenn ich über Gehörlose schreibe, sind auch all jene Personen
inkludiert, die auf Grund von Schwerhörigkeit, Hörverminderung,
durch Hörgeräte oder Cochlear- Implantate Höreindrücke empfinden
können.
Die Gruppe aller von Hörschäden betroffenen Personen ist aber
viel zu breit gefächert, als dass ich sie alle in meiner Arbeit
behandeln könnte. Natürlich trifft ein Teil der (Alltags-) Probleme
auch auf Altersschwerhörige oder lärmschwerhörige Personen, sowie
auf Tinnitusbetroffene oder Menschen nach einem Hörsturz zu, aber
all diesen Gruppen liegt die Anerkennung der Gebärdensprache nicht
primär am Herzen, da sie ihr Gehör erst nach primärem Spracherwerb
und der Bildung ihrer Identität verlieren. Das bedeutet, sie hatten
in ihrer Kindheit und (meist) auch im Erwachsenenalter eine Kommunikation
zur Verfügung.
1.3.2 Gehörlosigkeit
Wenn in den Medien von Gehörlosigkeit gesprochen wird, reduziert
man diese meist auf einen medizinischen Aspekt. Man reduziert
den Menschen sofort auf seine Behinderung, auf eine Person mit
Defiziten. Auch Hörgeräte, Cochlear-Implantate und lautes Schreien,
sowie unermüdliches Hörtraining sind die Folgen davon. Gehörlose
selber sehen sich aber als ganz normale Menschen, „nur“ dass sie
nicht hören können. Sie wollen als vollwertige Menschen angenommen
werden. Vor allem wünschen sich Gehörlose eine Akzeptanz ihrer
Muttersprache, der Gebärdensprache, die eine unmissverständlichere
Kommunikation und einen ungehinderteren Zugang zu Informationen
und Bildung gewährleisten würde. Die Gehörlosengemeinschaft möchte,
dass in erster Linie jeder seine Aufmerksamkeit auf ihre Fähigkeiten,
nicht auf das Fehlen eines Sinnesorgans richtet. Dieser Ansatz
wird vor allem in der Sozialarbeit mit hörbehinderten Klienten
zum Tragen kommen. Etwas nicht akustisch wahrnehmen zu können,
stellen sich hörende Menschen oftmals furchtbar vor, und bemitleiden
jeden, der nicht die Vögel am Morgen oder ein gutes Radioprogramm
hören kann. Auch sind viele Ärzte der Meinung, Gehörlosigkeit
wäre ausrottbar, beseitigbar, und die Gebärdensprache nur ein
System, dass aus der Not heraus entstanden ist. Solch Einstellungen
führten und führen noch immer dazu, dass an Dolmetschkosten oder
Fernseh-Untertiteln gespart wird und das Geld in viele medizinische
Untersuchungen und Forschungen zur Behebung des „Schadens“ fließt.
Trotzdem hat man manchmal das Gefühl, dass Gehörlose selbst sich
nicht gegen die Bezeichnung eines Behinderten wehren. Denn durch
den staatlichen Titel eines „begünstigten“ Behinderten haben sie
erst die Möglichkeit, Förderung und Unterstützung durch öffentliche
Gelder z.B. für Dolmetschkosten zu erlangen.
Ich möchte nun kurz den medizinischen Standpunkt
erläutern, was die Medizin unter Gehörlosigkeit versteht und wie
es überhaupt zu Hörbeeinträchtigungen kommt.
Der Gehörsinn
Um ein Geräusch wahrnehmen zu können, muss sich Schall einen komplizierten
Weg ins Gehirn bahnen und dort im Hörzentrum des Großhirns in
einen Laut umgewandelt werden. Dabei wird der Schall zuerst vom
äußeren Ohr eingefangen und durch das Trommelfell über die kleinen
Gehörknöchelchen im Mittelohr und anschließend durch dass Innenohr
via Haarzellen ( wo der Schall in Nervenimpulse umgewandelt wird)
an das Großhirn weitergeleitet. Lassen aber ein oder mehrere Glieder
dieser Kette nach, kann es zu Hörbeeinträchtigungen bis hin zur
Gehörlosigkeit kommen.
a) prälinguale Ursachen
Unter prälinguale Ursachen versteht man alle Komplikationen, die
dazu führten, dass das Baby bereits vor der Geburt von einer Hörschädigung
betroffen ist. Gründe dafür sind:
-
Erblich bedingt; diese Ursache ist aber
nur in 10% der Fälle die Ursache
-
Wegen einer Infektion der Mutter während
der Schwangerschaft, etwa durch Röteln
-
Wenn die Mutter während der Schwangerschaft
an einer Krankheit, wie z.B. an Zucker leidet
-
Falsche oder zu viele Medikamente in der
Schwangerschaft
Insgesamt trifft eine angeborene Hörbehinderung
auf 36,1 % aller Gehörlosen zu.
b) perinatale Ursachen
wenn es während der Geburt zu Sauerstoffmangel des Kindes kommt,
oder das Kind ein zu geringes Geburtsgewicht aufweist, unter Säuglingsgelbsucht
leidet oder Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind
existiert kann es zu Hörschädigungen kommen.
c) postlinguale Ursachen
Eine andere Erklärung bilden postlinguale Ursachen: Das heißt,
das Baby hatte schon Hörerlebnisse, bevor die Hörbehinderung eingetreten
ist. Gründe dafür sind:
-
Impfschäden
-
Infektionen, wie Tuberkulose, Scharlach
-
Stoffwechselerkrankung (kretine, endemische
Taubheit)
-
Infektionen wie Mittelohrentzündungen oder
Meningitis
-
Schädelverletzungen
-
Geräuschschäden durch laute Musik, Schießerei
-
Masern, Mumps, Keuchhusten
Präglinguale und postlinguale Hörschäden sind
zumeist irreparabel. Deswegen darf man sie nicht mit folgender
Gruppe von Hörbeeinträchtigungen verwechseln:
1.3.2.3 Konduktive Hörverluste
Dabei handelt es sich um vorrübergehende Hörverluste. Als weitläufigste
Ursache kann man Flüssigkeit im Ohr bezeichnen. Das Kind hat dabei
weder Fieber noch Schmerzen, es kann aber zu einer leichten Störung
der Sprachentwicklung des Kindes führen. Auch Mittelohrentzündungen
können zu kurzfristigen Hörverlusten führen. Weiters können eine
Gehöratresie (Verschluss des Gehörganges), eine Gehörgangsstenose
(Verengung des Gehörganges) oder eine Zerumbildung schuld an einer
Hörstörung sein.
1.3.2.4 Progrediente Hörstörungen
Dies sind Hörstörungen, die eine fortschreitende Verschlechterung
mit sich bringen. Diese Störung reicht von leichter Hörverminderung
im Kindesalter bis hin zur völligen Ertaubung im Erwachsenenalter.
1.3.3 Rolle des Gehörs
Warum spielt das Gehör eine solch große Rolle? Ich möchte die
fünf wichtigsten Punkte kurz zitieren:
-
Es spielt eine Rolle in der Entwicklung
von Sprache und Kommunikation
-
Es ist eine kontinuierliche Quelle der Information
über Dinge und Ereignisse unserer unmittelbarer physischen
Umwelt.
-
Es vermittelt Warnsignale, die für die physische
Sicherheit wichtig sind.
-
Es hilft dem Einzelnen beim Erwerb und Erhalt
körperlicher Fähigkeiten.
-
Es trägt zur sozialen Integration bei.