Gehörlosigkeit * Seite [1] [2] [3]

1. Grundsätzliches
1.1 Ausgangssituation

Ein Schicksalsjahr für alle gehörlosen Menschen war 1880. Am sogenannten Mailänder Kongress wurde von einer Hand voll hörender Pädagogen ein Gebärdensprachverbot für den Unterricht an Gehörlosenschulen verhängt. Deren weite Auswirkung war den Pädagogen damals sicher nicht bewusst. Dieser Kongress legte die Grundlage für den teilweise noch heute bestehenden Lehrplan an Gehörlosenschulen und besiegelte so die Schwierigkeiten hörbehinderter Personen der Gegenwart, Zugang zu Wissen und Identität zu erlangen. Seit damals zwingt man hörbehinderte Personen sich einer Welt anzupassen, die von Lauten und Lautsprache dominiert wird und der der Gehörlose niemals in dieser Weise angehören kann. So wurden die Probleme gehörloser Menschen zu behindertenspezifischen, obwohl ihre einzige gerechte Forderung darin besteht, dass die hörende Mehrheit endlich die Gebärdensprache, die Muttersprache hörbeeinträchtigter Personen mit vollwertigem Sprachsystem als Minderheitensprache anerkennt, und somit eine Gleichberechtigung im Alltag erfährt.

1.2 Statistische Daten

Laut Mikrozensus leben in Österreich derzeit 9000 gehörlose Menschen. (Als Richtwert wird stets ein Promille der Bevölkerungsanzahl angenommen.) Weiters sind etwa 450 000 Personen von einer Hörbehinderung betroffen. Aber auch da gibt es auf Grund von statistisch schwer erfassbaren Daten und wegen nicht klar abgrenzbaren Werten von Alters- oder Lärmschwerhörigkeit sowie Mehrfachbehinderungen oder Schwerhörigkeit, große Dunkelziffern.

1.3 Begriffsdefinitionen

1.3.1 „Taubstumm“
Lange Zeit war der Begriff TAUBSTUMM in aller Munde, und ist es auch heute noch. Diese Bezeichnung stammt noch aus jener Zeit, in der man meinte, gehörlose Menschen seien bildungsunfähig und dumm. Viele Leute assoziieren heute mit dem Wort „taubstumm“, die noch von der damals innewohnende Bedeutung. So entsteht an der Schwelle zum zweiten Jahrtausend Benachteiligung und Diskriminierung vieler Gehörloser in der Gesellschaft. Außerdem meinen viele Leute, dass im Wort „stumm“ nicht nur eine Sprechunfähigkeit, sondern auch Kommunikationsunfähigkeit nachgewiesen wird. Gehörlose verfügen über den gleichen Sprechmechanismus wie jeder andere Mensch auch, nur dass sie ihre Stimme und deren Lautstärke oder Klang mittels Gehör nicht steuern und kontrollieren können.
Obwohl schon 1830 das Wort „gehörlos“ eingeführt wurde, haben sich die Begriffe „taubstumm“ und die „Stummerlsprach´“ bis heute hartnäckig gezeigt. Ich werde in meiner Diplomarbeit viele verschiedene Begriffe für Gehörlosigkeit und von Gehörlosigkeit betroffener Menschen verwenden und möchte deshalb betonen, dass jedes davon wertfrei gemeint ist und in keinerlei Weise diskriminierend wirken soll. Wenn ich über Gehörlose schreibe, sind auch all jene Personen inkludiert, die auf Grund von Schwerhörigkeit, Hörverminderung, durch Hörgeräte oder Cochlear- Implantate Höreindrücke empfinden können.
Die Gruppe aller von Hörschäden betroffenen Personen ist aber viel zu breit gefächert, als dass ich sie alle in meiner Arbeit behandeln könnte. Natürlich trifft ein Teil der (Alltags-) Probleme auch auf Altersschwerhörige oder lärmschwerhörige Personen, sowie auf Tinnitusbetroffene oder Menschen nach einem Hörsturz zu, aber all diesen Gruppen liegt die Anerkennung der Gebärdensprache nicht primär am Herzen, da sie ihr Gehör erst nach primärem Spracherwerb und der Bildung ihrer Identität verlieren. Das bedeutet, sie hatten in ihrer Kindheit und (meist) auch im Erwachsenenalter eine Kommunikation zur Verfügung.

1.3.2 Gehörlosigkeit
Wenn in den Medien von Gehörlosigkeit gesprochen wird, reduziert man diese meist auf einen medizinischen Aspekt. Man reduziert den Menschen sofort auf seine Behinderung, auf eine Person mit Defiziten. Auch Hörgeräte, Cochlear-Implantate und lautes Schreien, sowie unermüdliches Hörtraining sind die Folgen davon. Gehörlose selber sehen sich aber als ganz normale Menschen, „nur“ dass sie nicht hören können. Sie wollen als vollwertige Menschen angenommen werden. Vor allem wünschen sich Gehörlose eine Akzeptanz ihrer Muttersprache, der Gebärdensprache, die eine unmissverständlichere Kommunikation und einen ungehinderteren Zugang zu Informationen und Bildung gewährleisten würde. Die Gehörlosengemeinschaft möchte, dass in erster Linie jeder seine Aufmerksamkeit auf ihre Fähigkeiten, nicht auf das Fehlen eines Sinnesorgans richtet. Dieser Ansatz wird vor allem in der Sozialarbeit mit hörbehinderten Klienten zum Tragen kommen. Etwas nicht akustisch wahrnehmen zu können, stellen sich hörende Menschen oftmals furchtbar vor, und bemitleiden jeden, der nicht die Vögel am Morgen oder ein gutes Radioprogramm hören kann. Auch sind viele Ärzte der Meinung, Gehörlosigkeit wäre ausrottbar, beseitigbar, und die Gebärdensprache nur ein System, dass aus der Not heraus entstanden ist. Solch Einstellungen führten und führen noch immer dazu, dass an Dolmetschkosten oder Fernseh-Untertiteln gespart wird und das Geld in viele medizinische Untersuchungen und Forschungen zur Behebung des „Schadens“ fließt.
Trotzdem hat man manchmal das Gefühl, dass Gehörlose selbst sich nicht gegen die Bezeichnung eines Behinderten wehren. Denn durch den staatlichen Titel eines „begünstigten“ Behinderten haben sie erst die Möglichkeit, Förderung und Unterstützung durch öffentliche Gelder z.B. für Dolmetschkosten zu erlangen.

Ich möchte nun kurz den medizinischen Standpunkt erläutern, was die Medizin unter Gehörlosigkeit versteht und wie es überhaupt zu Hörbeeinträchtigungen kommt.

Der Gehörsinn
Um ein Geräusch wahrnehmen zu können, muss sich Schall einen komplizierten Weg ins Gehirn bahnen und dort im Hörzentrum des Großhirns in einen Laut umgewandelt werden. Dabei wird der Schall zuerst vom äußeren Ohr eingefangen und durch das Trommelfell über die kleinen Gehörknöchelchen im Mittelohr und anschließend durch dass Innenohr via Haarzellen ( wo der Schall in Nervenimpulse umgewandelt wird) an das Großhirn weitergeleitet. Lassen aber ein oder mehrere Glieder dieser Kette nach, kann es zu Hörbeeinträchtigungen bis hin zur Gehörlosigkeit kommen.

a) prälinguale Ursachen
Unter prälinguale Ursachen versteht man alle Komplikationen, die dazu führten, dass das Baby bereits vor der Geburt von einer Hörschädigung betroffen ist. Gründe dafür sind:

  • Erblich bedingt; diese Ursache ist aber nur in 10% der Fälle die Ursache

  • Wegen einer Infektion der Mutter während der Schwangerschaft, etwa durch Röteln

  • Wenn die Mutter während der Schwangerschaft an einer Krankheit, wie z.B. an Zucker leidet

  • Falsche oder zu viele Medikamente in der Schwangerschaft

Insgesamt trifft eine angeborene Hörbehinderung auf 36,1 % aller Gehörlosen zu.

b) perinatale Ursachen
wenn es während der Geburt zu Sauerstoffmangel des Kindes kommt, oder das Kind ein zu geringes Geburtsgewicht aufweist, unter Säuglingsgelbsucht leidet oder Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind existiert kann es zu Hörschädigungen kommen.

c) postlinguale Ursachen
Eine andere Erklärung bilden postlinguale Ursachen: Das heißt, das Baby hatte schon Hörerlebnisse, bevor die Hörbehinderung eingetreten ist. Gründe dafür sind:

  • Impfschäden

  • Infektionen, wie Tuberkulose, Scharlach

  • Stoffwechselerkrankung (kretine, endemische Taubheit)

  • Infektionen wie Mittelohrentzündungen oder Meningitis

  • Schädelverletzungen

  • Geräuschschäden durch laute Musik, Schießerei

  • Masern, Mumps, Keuchhusten

Präglinguale und postlinguale Hörschäden sind zumeist irreparabel. Deswegen darf man sie nicht mit folgender Gruppe von Hörbeeinträchtigungen verwechseln:

1.3.2.3 Konduktive Hörverluste
Dabei handelt es sich um vorrübergehende Hörverluste. Als weitläufigste Ursache kann man Flüssigkeit im Ohr bezeichnen. Das Kind hat dabei weder Fieber noch Schmerzen, es kann aber zu einer leichten Störung der Sprachentwicklung des Kindes führen. Auch Mittelohrentzündungen können zu kurzfristigen Hörverlusten führen. Weiters können eine Gehöratresie (Verschluss des Gehörganges), eine Gehörgangsstenose (Verengung des Gehörganges) oder eine Zerumbildung schuld an einer Hörstörung sein.

1.3.2.4 Progrediente Hörstörungen
Dies sind Hörstörungen, die eine fortschreitende Verschlechterung mit sich bringen. Diese Störung reicht von leichter Hörverminderung im Kindesalter bis hin zur völligen Ertaubung im Erwachsenenalter.

1.3.3 Rolle des Gehörs
Warum spielt das Gehör eine solch große Rolle? Ich möchte die fünf wichtigsten Punkte kurz zitieren:

  1. Es spielt eine Rolle in der Entwicklung von Sprache und Kommunikation

  2. Es ist eine kontinuierliche Quelle der Information über Dinge und Ereignisse unserer unmittelbarer physischen Umwelt.

  3. Es vermittelt Warnsignale, die für die physische Sicherheit wichtig sind.

  4. Es hilft dem Einzelnen beim Erwerb und Erhalt körperlicher Fähigkeiten.

  5. Es trägt zur sozialen Integration bei.

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* Auszüge aus der Diplomarbeit von Valerie Clarke: "Die Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich Auswirkung einer möglichen Anerkennung auf meine Arbeit als Sozialarbeiterin"
download gesamte Diplomarbeit (.pdf / 5,5MB)


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